Sensibilisierung für Diskriminierung

Es ist keine Neuigkeit, dass die Corona-Krise zu der Erkenntnis geführt hat, dass Meetings und die Kommunikation im Geschäftsleben durchaus auch digital, im Internet funktionieren können. Aber die Krise hat darüber hinaus auch neue, möglicherweise sehr richtungsweisende Projektideen befördert. Wie die folgende.

Das Virtual-Reality-Projekt

Die Bremer Medienagentur „VomHoerenSehen“ entwickelt zurzeit mit Hilfe von IQ-Fördermitteln ein „VR-Tool“ (Virtual Reality-Werkzeug) für das Handlungsfeld „diversitätssensible Personalauswahl in der öffentlichen Verwaltung“. Die Idee weckt Neugierde – und wirft die Frage auf, welche Potenziale videogestützte VR-Technologien für Personalentwicklung und Weiterbildung haben könnten.

Das Tool soll nämlich später in Schulungen, Workshops und Seminaren eingesetzt werden, um – häufig unbewusste – „Fallen“, stillschweigende Vorannahmen und Vorurteile (unconscious bias) in Einstellungsverfahren zu identifizieren und zu reflektieren. Die Träger:innen der Virtual-Reality-Brille können dabei verschiedene Perspektiven einnehmen und sogenannte immersive Lernerfahrungen machen; diese sind sehr nützlich für die Selbstreflexion und als Grundlage für die Diskussion von Erkenntnissen, wie es häufig bei der Entscheidungsfindung bei der Personalauswahl zugeht.   

Wie das Virtual-Reality-Tool funktioniert

Die Nutzer:innen werden in allen Szenen von einer virtuellen Person, dem „VR-Guide“, begleitet. Der „VR-Guide“ ist eine Stimme im Hintergrund und fungiert als „freundlicher Coach“ bei der Navigation durch das Modul. Der Guide stellt am Ende jeder Lerneinheit auch Fragen zur Reflexion.  

Die VR-Anwendung bietet sowohl passive als auch aktive Handlungsmöglichkeiten für die Nutzer:innen. Passiv in Form von Zuhören und Wahrnehmen und aktiv in Form von Reaktionsmöglichkeiten, die den Verlauf der Szene verändern. Die Szenen werden umrahmt von Momenten der Reflexion und des Nachdenkens mit Fragen zu persönlichen Wahrnehmungen und Erfahrungen. Die Nutzer:innen werden aus unterschiedlichen Perspektiven in irritierende Situationen versetzt. Das soll dazu beitragen, persönliche Erfahrungen und Emotionen im Umgang mit Diskriminierung kritisch – im Sinne eines professionellen Umgangs – zu hinterfragen.

Was erreicht werden soll

Ziel des VR-Projekts ist es, für Diskriminierungsrisiken im Bewerbungsprozess zu sensibilisieren. Es geht nicht darum, eine Einrichtung oder Organisation anzuklagen, weil Defizite bei den Auswahlverfahren sichtbar werden (können). Vielmehr sollen Reflexion- und Diskussionsprozesse angestoßen werden, Raum fürs Nachdenken über vorschnelle Interpretationen und verzerrte Wahrnehmungen geöffnet werden. Die Auseinandersetzung mit Handlungsoptionen soll die Nutzer:innen aus einer passiven Haltung lösen und sie befähigen, selbst nach neuen Möglichkeiten des Umgangs mit Diskriminierung und unbewussten Vorurteilen zu suchen.

Die Herstellung des Drehbuchs

Das Team der Agentur „Vomhörensehen“ hatte bereits wichtige Vorarbeiten und Entwicklungsschritte in die Wege geleitet, bevor ich als Mitarbeiterin der wisoak im IQ-Projekt „ikö-diversity“ mit meiner Beratung begann. Meine Aufgabe war es, das bereits gefertigte Manual zu einem Handlungsskript weiter zu entwickeln. Welche Emotionen könnten den Verlauf des Bewerbungsverfahrens und den Verlauf der Auswahlgespräche wie beeinflussen? Welche Feinheiten also sind bei Mimik und Gestik der Beteiligten zu beachten?

Mit nahezu „Null Wissen“ über Bewerbungsverfahren im öffentlichen Dienst  ausgestattet, nahm ich zunächst Kontakt zu Martin Schmidt vom ikö-diversity-Team in der wisoak auf, einem erfahrenen interkulturellen Trainer. Weitere Klarheit erhielt ich dann in Gesprächen mit der Personalleiterin der Zentralbibliothek Bremen, Nora Neuhaus de Laurel. Sie war überaus hilfsbereit und teilte gerne ihre Erfahrungen in Bezug auf Diskriminierung, Stereotypen und Vorurteile in Bewerbungsverfahren und Vorstellungsgesprächen.

Ich konnte auf dieser Grundlage dann „meiner Kreativität freien Lauf“ lassen und die Persönlichkeiten und Rollen für das Drehbuch entfalten, konnte die involvierten Emotionen und Reaktionen aller Beteiligten – hoffentlich – realitätsnah einbringen.

Nach vielen Besprechungen und Anpassungen konnten wir am Ende ein  Skript erstellen, mit dem wir alle zufrieden waren. Mehrere Treffen mit Schauspieler:innen folgten. Die Szenen des Drehbuchs werden nun im Sommer von Dasteller:innen von „Theater Bremen“ umgesetzt und eingespielt.

Warum das VR-Projekt unbedingt umgesetzt werden sollte

Das Virtual-Reality-Projekt ist so faszinierend, eigentlich das Faszinierendste, das ich je gemacht habe. Wir sind schon sehr gespannt, wie das Tool in der Praxis funktionieren wird, und wir freuen uns auf die ersten Probeläufe in Trainingskursen. Sie sind für Herbst dieses Jahres geplant.

Wenn alles klappt, dann könnte und sollte es meiner Meinung nach generell in Trainings, Seminaren und Ausbildungskontexten, die Personalauswahlverfahren thematisieren, eingesetzt werden – also möglichst weite Verbreitung finden. Der Vorteil ist nämlich, dass die Nutzer:innen nicht nur zuschauen und „konsumieren“, sondern sich aktiv im Simulationsprozess einbringen und beteiligen. Sie können selbst entscheiden, wann sie welche Perspektiven wählen – und wann sie die Perspektive wechseln möchten.

Bedenken und Sorgen 

Pufferzeit: Die Virtual-Reality-Brille gehört zu den neuen Technologien und Tools, die vielen Menschen (noch) nicht vertraut sind. Immersive Lernerfahrungen zu ermöglichen und zu reflektieren – das muss erst noch aus der Seminarpraxis heraus methodisch-didaktisch entwickelt und evaluiert werden. Welche technischen Fertigkeiten und Vorerfahrungen können bei der Seminarvorbereitung bei den Teilnehmenden vorausgesetzt werden? Es ist wohl notwendig, viel zusätzliche Zeit einzuplanen, um die Funktionsweise der Virtual-Reality-Brille zu Beginn des Workshops zu erklären und um sicherzustellen, dass die Einstellungen und die Anwendung für alle Teilnehmenden gut funktionieren. 

Zusätzliche Kosten: Aufgrund der technischen Besonderheiten des Geräts werden während der Schulung wohl auch assistierende Fachkräfte benötigt, die den Teilnehmenden bei der Bedienung der VR-Brille helfen und eventuell auftretende Probleme beheben können.

Widerstand: Auch muss damit gerechnet werden, dass einige Teilnehmer:innen aus persönlichen Gründen, aus Angst oder gesundheitlichen Bedenken die Nutzung des Tools ablehnen und sich immersiven Lernerfahrungen verschließen. Wie kann und wie soll die Seminarleitung damit umgehen?

Wir werden Sie über die Weiterentwicklung des Projekts auf dem Laufenden halten.

Beitrag von: Iheoma Obasi-Nnadozie